Abschalten im Urlaub: Warum es so schwerfällt – und was tatsächlich hilft
Der Koffer ist gepackt, der Out-of-Office-Autoresponder eingerichtet, und trotzdem kreisen die Gedanken weiter um das nächste Projekt, die unbeantwortete E-Mail oder das ungelöste Teamthema. Für viele Führungskräfte ist Abschalten im Urlaub eine Fähigkeit, die aktiv trainiert werden muss. Mentale Erholung ist dabei keine Frage der Disziplin, sondern eine physiologische Voraussetzung für gute Entscheidungen und tragfähige Führung.
Warum Führungskräfte besonders schwer abschalten
Mehrere Faktoren erschweren gerade Personen in Führungsverantwortung das Loslassen. Ein hohes Maß an Verantwortung hält das Gefühl wach, gebraucht zu werden. Dauerhafte digitale Erreichbarkeit verwischt die Grenze zwischen Arbeitszeit und Freizeit. Und wer es gewohnt ist, ständig Probleme zu lösen, empfindet plötzliche Stille nicht selten als unangenehm – ein Effekt, der in der Stressforschung gut dokumentiert ist.
In der Erholungsforschung wird der Zustand, in dem der Kopf trotz Urlaubsort im Arbeitsmodus bleibt, als fehlende psychologische Distanzierung bezeichnet – englisch psychological detachment, also die mentale Loslösung von arbeitsbezogenen Gedanken während arbeitsfreier Zeit (Sonnentag & Fritz, 2007). Unter den verschiedenen Erholungserfahrungen – Entspannung, Kontrolle, Kompetenzerleben – zeigt Detachment den konsistentesten Zusammenhang mit Wohlbefinden (Sonnentag & Fritz, 2015).
Die Folgen unvollständiger Erholung
Wer im Urlaub nicht wirklich abschaltet, kehrt oft nur kurzzeitig erleichtert in den Arbeitsalltag zurück. Langfristig steigt das Risiko für chronische Erschöpfung und emotionale Reaktivität im Führungsalltag. Auch das Team registriert diese Dynamik: Eine Führungskraft, die nie wirklich zur Ruhe kommt, prägt eine Kultur der Dauerverfügbarkeit – mit entsprechenden Folgen für das gesamte Arbeitsumfeld.
Längsschnittstudien zeigen zudem, dass fehlendes Abschalten und Erschöpfung sich gegenseitig verstärken: Wer nicht abschaltet, bleibt erschöpft, und Erschöpfung macht das
Strategien für mentale Erholung im Urlaub
1. Den Übergang gestalten, nicht den Schalter umlegen
Abschalten beginnt nicht am Flughafen, sondern Tage vorher. Eine strukturierte Übergabe, klar definierte Vertretungsregelungen und ein bewusst geplanter letzter Arbeitstag reduzieren das Gefühl, etwas offen gelassen zu haben – und damit das gedankliche Nachhängen in der ersten Urlaubswoche.
2. Erreichbarkeit konkret regeln
Vage Vorsätze helfen selten. Was hilft: feste Zeitfenster für E-Mail-Checks, falls überhaupt nötig, eine eindeutige Eskalationsregelung fürs Team und eine kommunizierte Nicht-Erreichbarkeit. Diese Regeln müssen eingehalten werden, nicht nur formuliert sein.
3. Aktive Routinen statt reiner Auszeit
Nichtstun reicht oft nicht aus, um den Kopf freizubekommen. Journaling, Bewegung in der Natur oder ein fester Tagesabschluss ohne Bildschirm unterstützen das Nervensystem dabei, tatsächlich in einen Ruhezustand zu wechseln.
4. Die Rolle zeitweise ablegen
Wer sich stark über die berufliche Rolle definiert, tut sich schwer, sie zeitweise loszulassen. Reflexionsfragen wie „Wer bin ich, wenn ich gerade nicht führe, organisiere oder entscheide?“ können helfen, Identität jenseits der Funktion zu erfahren – und damit Urlaub als tatsächliche Auszeit zu erleben.
5. Muster erkennen, bevor sie sich festigen
Abschalten ist eine trainierbare Fähigkeit. Der KI-Coach auf der Leaders21-Plattform begleitet Führungskräfte dabei, individuelle Erholungsmuster zu erkennen und Erreichbarkeitsregeln zu entwickeln, die im Alltag tragen – ortsunabhängig und zeitlich flexibel.
Abschalten als Führungskompetenz
Wer im Urlaub abschalten kann, trifft danach bessere Entscheidungen, führt ruhiger und setzt für das Team ein anderes Signal. Eine 2024 veröffentlichte Studie im Journal of Occupational and Organizational Psychology zeigt: Wenn Führungskräfte Grenzen zwischen Arbeits- und Privatzeit respektieren und Erholung aktiv unterstützen, gelingt es Mitarbeitenden nachweislich besser, mental zu regenerieren. Wer sich selbst Erholung erlaubt, schafft damit die Voraussetzung, dass sein Team dasselbe tut.
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Häufige Fragen zum Abschalten im Urlaub
Hohe Verantwortung, permanente Erreichbarkeit und ein ausgeprägtes Pflichtgefühl halten den Arbeitsmodus auch in der Freizeit aktiv. Das Nervensystem schaltet nicht automatisch um, wenn der Kalender es täte.
Studien zeigen, dass es häufig mehrere Tage dauert, bis Stresshormone spürbar sinken und Regeneration einsetzt. Kurzurlaube unter vier Tagen reichen für tiefe Erholung selten aus.
Klare Übergabe vor dem Urlaub, kommunizierte Nicht-Erreichbarkeit sowie aktive Erholungsformen wie Bewegung, Naturaufenthalte oder bildschirmfreie Abendzeiten.
Ja. Psychologische Distanzierung ist eine erlernbare Fähigkeit. Strukturierte Reflexion – etwa durch Coaching – hilft, individuelle Muster zu erkennen und gezielt zu verändern.
Quellen
- Sonnentag, S. & Fritz, C. (2007). The Recovery Experience Questionnaire: Development and validation of a measure for assessing recuperation and unwinding from work. Journal of Occupational Health Psychology, 12(3), 204–221.
- Sonnentag, S. & Fritz, C. (2015). Recovery from job stress: The stressor-detachment model as an integrative framework. Journal of Organizational Behavior, 36(S1), S72–S103. Wiley Online Library
- Sonnentag, S., Binnewies, C. & Mojza, E. J. (2010). Staying well and engaged when demands are high: The role of psychological detachment. Journal of Applied Psychology, 95(5), 965–976.
- Sonnentag, S. et al. (2024). Leader support for recovery: A multi-level approach to employee psychological detachment from work. Journal of Occupational and Organizational Psychology. Wiley Online Library
Alexandra Kleindessner
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