Der erste Urlaubstag beginnt mit Kopfschmerzen, Halsschmerzen oder einer fiebrigen Erkältung – obwohl im Job davor alles noch reibungslos funktioniert hat. Dieses Phänomen hat einen Namen: Leisure Sickness, zu Deutsch etwa „Freizeitkrankheit“. Es ist kein unglücklicher Zufall, sondern ein körperliches Signal für chronische Überlastung. Und ein Thema, das Führungskräfte und Personalverantwortliche zunehmend beschäftigt.
Was ist Leisure Sickness
Leisure Sickness beschreibt das wiederkehrende Auftreten körperlicher Beschwerden zu Beginn von Wochenenden, Feiertagen oder Urlauben. Krankheitssymptome setzen meist am zweiten oder dritten freien Tag ein und klingen nach zwei bis drei Tagen wieder ab.
Geprägt wurde der Begriff von dem niederländischen Gesundheitspsychologen Ad Vingerhoets, der das Phänomen 2002 gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen der Universität Tilburg erstmals systematisch untersuchte. In ihrer Pilotstudie mit knapp 1.900 Befragten gaben rund 3 Prozent an, regelmäßig unter dieser „Wochenend- und Urlaubskrankheit“ zu leiden. Als zentrale Risikofaktoren identifizierten die Forschenden hohe Arbeitsbelastung, ausgeprägten Perfektionismus, ein starkes Leistungsmotiv sowie Schwierigkeiten, von der Arbeitssituation in den Ruhezustand zu wechseln .
Neuere Daten deuten darauf hin, dass das Phänomen deutlich verbreiteter ist, als die ursprüngliche Studie zeigte: Einer repräsentativen Befragung der IU Internationale Hochschule aus dem Jahr 2025 zufolge berichten in Deutschland inzwischen rund 20 Prozent der Arbeitnehmenden, häufig oder immer unter Symptomen von Leisure Sickness zu leiden. Es scheint ein Hinweis darauf zu sein, dass chronischer Arbeitsstress in den vergangenen zwei Jahrzehnten spürbar zugenommen hat.
Warum trifft es gerade Führungskräfte?
Während der aktiven Arbeitsphase hält ein erhöhter Spiegel an Stresshormonen wie Cortisol und Adrenalin den Körper in einer Art Daueralarmbereitschaft. Diese Anspannung unterdrückt Krankheitssymptome häufig wirksam. Sobald der äußere Druck wegfällt, etwa zu Urlaubsbeginn, sinkt der Stresspegel und latente Infekte oder Erschöpfungszustände treten offen zutage.
Mehrere Faktoren machen Führungskräfte besonders anfällig. Hohe Verantwortung erzeugt einen dauerhaften mentalen Bereitschaftsmodus, der nach Feierabend kaum nachlässt. Wer Aufgaben schlecht abgeben kann, bleibt auch im Kopf ständig im Dienst. Und Unternehmenskulturen, die Dauerverfügbarkeit stillschweigend belohnen, verschärfen das Muster zusätzlich. Weil das Abschalten nicht nur schwerfällt, sondern auch ungelernt bleibt.
Die Folgen für Unternehmen und Teams
Leisure Sickness ist kein rein individuelles Problem. Wenn Führungskräfte regelmäßig im Urlaub erkranken, werden Erholungszeiten faktisch verkürzt, was das Burnout-Risiko langfristig erhöht. Dazu kommt eine Vorbildwirkung: Die Führungskraft sendet – oft ohne Absicht – das Signal an ihr Team, dass permanente Anspannung normal ist. Daraus entsteht eine Unternehmenskultur, in der Erschöpfung als Statussymbol gilt statt als Warnzeichen.
Was wirklich hilft: Strategien gegen Leisure Sickness
1. Den Übergang gestalten, nicht abbrechen
Der Wechsel in den Erholungsmodus funktioniert besser als Übergang denn als Bruch. Ein strukturierter letzter Arbeitstag mit konkreter Übergabe, ein kurzer Spaziergang vor dem Urlaubsantritt oder eine feste Abschlussroutine signalisiert dem Nervensystem, dass die Anspannung sich auflösen darf.
2. Den Glaubenssatz „erst ausruhen, wenn alles erledigt ist“ hinterfragen
Viele Führungskräfte ruhen sich erst aus, wenn der Kalender es erlaubt. Diese Haltung lässt sich im Coaching gezielt bearbeiten. Erholung ist eine physiologische Voraussetzung für Leistungsfähigkeit – sie folgt ihr nicht nach.
3. Delegation als Führungskompetenz trainieren
Wer loslassen kann, reduziert mentale Daueranspannung messbar. Effektive Delegation ist trainierbar – und gehört zu den Kernkompetenzen, die strukturierte Leadership-Programme gezielt adressieren.
4. Erholung in den Alltag verankern
Wer Erholung ausschließlich auf den Urlaub verschiebt, überlastet das System. Kleine, regelmäßige Pausen im Arbeitsalltag – Mikropausen, Atemtechniken, eine realistische Tagesplanung – helfen, den Cortisolspiegel konstanter zu halten und die Last nicht aufzustauen.
5. Stressmuster durch Reflexion erkennen
Viele Führungskräfte erkennen eigene Belastungsmuster erst durch gezielte Reflexion, nicht durch Symptome. Der KI-Coach auf der Leaders21-Plattform begleitet Führungskräfte dabei, Stressmuster zu identifizieren und konkrete Übergangsrituale zu entwickeln – zeitlich flexibel und vertraulich.
Leisure Sickness als Frühwarnsystem
Wiederkehrende Beschwerden zu Urlaubsbeginn zeigen, dass die Balance zwischen Anspannung und Erholung im Alltag nicht stimmt. Wer dieses Signal früh ernst nimmt, kann gegensteuern – bevor daraus chronische Erschöpfung oder Burnout werden.
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Häufige Fragen zu Leisure Sickness
Leisure Sickness ist keine offizielle medizinische Diagnose, sondern ein in der Stressforschung beschriebenes Phänomen. Es bezeichnet das gehäufte Auftreten von Krankheitssymptomen zu Beginn von Erholungsphasen und wird auf den Abfall von Stresshormonen zurückgeführt.
Besonders betroffen sind Menschen mit hohem Pflichtgefühl, ausgeprägtem Perfektionismus und hoher Arbeitsbelastung – ein Profil, das häufig auf Führungskräfte und Leistungsträger zutrifft.
Wirksam sind Übergangsrituale zwischen Arbeit und Erholung, regelmäßige Mikropausen im Alltag, gezieltes Delegieren sowie die Auseinandersetzung mit eigenen Leistungs- und Pflichtüberzeugungen, etwa im Coaching.
Leisure Sickness gilt als mögliches Frühwarnsignal für chronische Überlastung. Unbehandelt kann das zugrunde liegende Stressmuster langfristig das Burnout-Risiko erhöhen.
Quellen
- Vingerhoets, A.J.J.M., Van Huijgevoort, M. & Van Heck, G.L. (2002). Leisure Sickness: A pilot study on its Prevalence, Phenomenology, and Background. Psychotherapy and Psychosomatics, 71(6), 311–317. Tilburg University Research Portal
- Van Heck, G.L. & Vingerhoets, A.J.J.M. (2007). Leisure Sickness: A Biopsychosocial Perspective. Psychological Topics, 16(2), 187–200. ResearchGate
- IU Internationale Hochschule (2025). Repräsentative Studie zu Leisure Sickness in Deutschland, zitiert nach: Leisure Sickness – Wikipedia
Alexandra Kleindessner
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