By Roland MayerIn Leadership01.12.2021

Du hast sicher schon von den beiden dominierenden Führungsstilen gehört: Leader:innen agieren demnach entweder als Held:innen (Heroic Leadership) oder als Diener:innen (Servant Leadership). Erstere führen im Rampenlicht, zweitere im Hintergrund. Die aus diesen Stilen entstehenden Beziehungen zwischen Leader:innen und ihren Follower:innen sind logischerweise sehr verschieden. Aber was wäre, wenn es ein flexibleres Leadership-Modell gäbe, das es dir ermöglichen würde, je nach Bedarf ins und aus dem Rampenlicht zu treten?

 

Host Leadership: Willkommen in einer neuen Welt

Dieser neue Führungsstil wurde von Mark McKergow und Helen Bailey entwickelt. Der Name verrät schon, worum es dabei geht: Du, als Leader:in, agierst als Gastgeber:in bzw. Host. Ein:e Host ist immer jene Person, die sich um die Beziehungen kümmert. Im Gegensatz zu anderen Modellen liegt der Fokus bei Host Leadership nicht auf den Leader:innen selbst, sondern auf ihrer Fähigkeit Beziehungen aufzubauen und Verbindungen mit anderen Menschen einzugehen.

 

„Ein:e Host Leader:in ist jemand, der andere Teilnehmer:innen in ein zielgerichtetes Unterfangen einbindet.“

Mark McKergow & Helen Bailey

 

Das Leadership-Dilemma

Jede:r Leader:in kennt Situationen, in denen gegensätzliche Erwartungen und Voraussetzungen erfüllt werden müssen. Als Leader:innen werden wir ständig in zwei entgegengesetzte Richtungen gezogen. Wir stehen zwischen unseren Mitarbeiter:innen und der Organisation – und müssen beiden dienen. 

 

Die 6 Rollen der Host Leadership

Dieses neue Leadership-Modell versucht eine Brücke zu schlagen und das typische Leadership-Dilemma, das Führungskräfte in aller Welt zu schaffen macht, zu lösen. Bei Host Leadership geht es dabei nicht um Regeln, sondern um Rollen. Flexible Rollen, in die ein:e Leader:in beliebig schlüpfen kann, anstatt strikte Regeln, die zu jeder Zeit befolgt werden müssen. Es werden sechs Rollen und vier Positionen der Gastgeberführung beschrieben, wovon jeweils zwei der Führung im Rampenlicht und zwei dem Zurücktreten in den Hintergrund entsprechen.

 

Let’s get the party started!

Sehen wir uns die 6 Rollen der Gastgeberführung am Beispiel einer Feier an:

  • Initiator
    Zuallererst agieren Gastgeber:innen als Initiatoren und bestimmen, was für den richtigen Rahmen für eine erfolgreiche Feier benötigt wird. Dann beginnt die tatsächliche Planung und die ersten Schritte werden getan. 
  • Inviter
    Im nächsten Schritt entscheiden die Gastgeber:innen, wer zur Feier eingeladen wird. Dazu ist sowohl ein Schritt ins Rampenlicht (das Einladen selbst) als auch ein Schritt zurück (den Gästen die Wahl lassen, anzunehmen oder abzusagen) nötig. Gleichzeitig wird den Gästen mit der Einladung auch Wertschätzung gezeigt. 
  • Space Creator
    Nun muss ein einladender Raum gestaltet werden, der den Bedürfnissen der Gäste gerecht wird. Hosts kümmern sich um alle Details und versuchen alles im Voraus zu planen. Bei der Feier selbst treten sie einen Schritt zurück – sind allerdings für den Fall der Fälle jederzeit bereit ins Rampenlicht zurückzukehren.
  • Gatekeeper
    Als Host heißt du deine Gäste willkommen und behältst stets den Überblick. Läuft etwas schief, sind es meist die Gastgeber:innen, die „den Tag retten“ und die Gäste aus der Situation führen. Außerdem achten sie darauf Grenzen zu ziehen oder einen erfolgreichen Verlauf zu sichern. 
  • Connector
    Wir alle kennen das Bild der perfekten Gastgeber:innen, die sich mit allen Gästen unterhalten (sich selbst verbinden) und andere einander vorstellen (andere miteinander verbinden). Ein:e gute:r Gastgeber:in stellt sicher, dass niemand alleine herumsteht. Hosts bauen Beziehungen zwischen Menschen auf und lassen diese dann ihren Lauf nehmen. 
  • Co-Participant
    Als Teilnehmer:innen der eigenen Feier sind Hosts präsent und genießen das Event, müssen aber immer wieder zwischen der führenden und der dienenden Rolle wechseln: Mal muss die Richtung vorgegeben werden, dann ist es an der Zeit einen Schritt zurück zu machen und den Gästen den Vortritt zu lassen. Simon Sinek hat es treffend formuliert: Leaders eat last.

 

Die 4 Positionen der Host Leadership

Ein:e gute:r Gastgeber:in erkennt den Wert der folgenden vier Positionen und nimmt die jeweils passende ein. Ein:e gute:r Leader:in macht genau dasselbe – und so könnte das im Job aussehen:

  • Im Rampenlicht: Du stehst im Zentrum, du führst die Gruppe.
    → du repräsentiert dein Team oder Unternehmen; du hältst einen Vortrag oder Workshop

  • Bei den Gästen: Du mischst dich unter die Gäste, bist präsent, aber nicht im Rampenlicht.
    → du nimmst an einem Meeting, Event oder eine Diskussion teil; du isst mit deinem Team zu Mittag

  • In der Galerie: Du stehst im Hintergrund, aber hast die Situation im Blick.
    → du ziehst dich kurzzeitig aus dem Tagesgeschäft zurück; du siehst dir das große Ganze an; du arbeitest an der Strategie für die Zukunft

  • In der Küche: Du ziehst dich zurück, um etwas vorzubereiten oder zu reflektieren.
    → du sprichst mit deinem:r Coach/Mentor:in; du organisierst ein Offsite; du triffst dich mit Leader:innen anderer Organisationen; du praktizierst Achtsamkeit

 

Wie lässt sich Host Leadership umsetzen?

Das Beste am Konzept der Host Leadership ist, dass du alle Rollen in jeder Organisationsebene anwenden kannst: als Teamlead, als Projektleiter:in, in der Zusammenarbeit mit anderen, im Umgang mit Zulieferer:innen oder Kund:innen, bei der Arbeit mit Patient:innen, Student:innen oder anderen Dienstleistungsnutzer:innen.

Hier siehst du, wie sich die Rollen und Positionen kombinieren lassen, um zu illustrieren, was wann am meisten Sinn macht:

 

Host Leadership im Job

Zu guter Letzt noch ein paar Beispiele, wie diese Kombinationen im „echten Leben“ aussehen können: 

  • Inviter im Rampenlicht: du präsentierst ein neues Projekt und fragst, wer Teil des Projektteams sein möchte 
  • Space Creator im Rampenlicht: du erklärst den Zweck eines Meetings; du wertschätzt die Arbeit des Teams 
  • Space Creator bei den Gästen: du hilfst deinem Team, den nötigen Rahmen für ein bestimmtes Projekt oder eine konkrete Aufgabe zu schaffen 
  • Gatekeeper in der Galerie: du beobachtest ein Meeting und entscheidest, ob/wann du einschreiten solltest 
  • Connector bei den Gästen: du förderst die Zusammenarbeit zwischen Meeting-Teilnehmer:innen, damit diese gemeinsam eine Lösung erarbeiten können 
  • Co-Participant in der Küche: du bereitest ein Meeting oder deine Argumentation vor

 

Welche Art Gastgeber:in bist du?

Du hast gerade eine Menge über Host Leadership gelernt. Und ganz sicher schon einige der oben genannten Rollen eingenommen.

Nimm dir einen Moment Zeit und überlege, in welche Rollen du normalerweise schlüpfst – und in welchen du dich weniger wohl fühlst oder welche du noch nie wirklich wahrgenommen hast. Und dann… probier sie einfach mal alle aus!