By Gregor HöllerIn Leadership14.07.2021

Wer sich mit Agilität auseinandersetzt, ist mit großer Wahrscheinlichkeit schon auf das Akronym VUCA gestoßen.

VUCA steht für

  • Volatile (volatil)
  • Uncertain (unsicher)
  • Complex (komplex) und 
  • Ambiguous (mehrdeutig) 

und bildet die Basis für alle agilen und selbstorganisierten Denk- und Handlungslogiken. Zumindest war das bis jetzt so…

 

VUCA im Chaos der Gegenwart

Mit VUCA konnte bzw. kann man bis heute die Welt einordnen und Handlungen ableiten. Und auch wenn Agilität zur Zeit in aller Munde ist, ist VUCA nicht erst mit der Digitalisierung entstanden. Wenn man es genau nimmt, war die Welt schon immer VUCA: auf eine gewisse Art instabil, unsicher, komplex und mehrdeutig auszulegen. Was sich in letzter Zeit allerdings verstärkt hat, sind die Frequenz und die Ausschläge der so genannten VUCA-Welt – diese sind heute deutlich präsenter und stärker spürbar als vielleicht noch vor 30 Jahren.

 

Ist VUCA Vergangenheit?

Die Welt war immer schon VUCA und wird es auch immer sein. Heutzutage eben noch mehr als früher. Wir müssen uns aber aktuell die Frage stellen, ob der Interpretationsrahmen der VUCA-Welt uns bei der Erklärung unterstützt. Hier kommt aus Fachkreisen ein klares Nein als Antwort. Die VUCA-Welt hat sich, befeuert durch die globale COVID-19-Pandemie, die Klimakrise und politisches Chaos in manchen Teilen der Welt, weiterentwickelt. Die Welt ist nicht mehr nur instabil, sondern vielmehr chaotisch. Hier kommt BANI ins Spiel.

 

BANI als Lösung

Wie bereits beschrieben, brauchen Systeme und Menschen einen Interpretationsrahmen, um Dinge einordnen zu können. Wenn VUCA nicht mehr ausreicht, brauchen wir eine neue „Weltordnung“. Jamais Casico beschreibt in seinem Artikel „Facing the Age of Chaos“ das so genannte BANI Framework.

 

Was bedeutet BANI?

BANI steht für

  • Brittle (brüchig, spröde, porös)
    Der wesentliche Unterschied zwischen brittle und volatile ist, dass spröde Systeme oft stabil wirken, bis zu dem Moment, in dem sie ohne Vorwarnung in sich zusammenbrechen. Im Gegensatz zur Volatilität, wo sich etwas von einem Zustand zu einem anderen verändert. Paradebeispiele für „brüchige“ Systeme sind unsere Energienetze oder der globale Handel. Die aktuelle Pandemie zeigt die Brüchigkeit unserer Systeme ebenfalls sehr deutlich auf.
  • Anxious (ängstlich, besorgt)
    Angst führt zu Hilflosigkeit und Passivität. In einer von Angst geprägten Welt können wir kaum Entscheidungen treffen, da diese möglicherweise schlimme Konsequenzen mit sich bringen. Vor allem wir, in der westlichen Welt, mussten lange Zeit nicht mehr mit permanenter Angst leben – und haben sie dadurch komplett abgelegt. Das hat sich mit der COVID-Pandemie und damit verbundenen Gefahren (Gesundheit, Jobsicherheit etc.) drastisch verändert.
  • Non-linear (nicht linear)
    In einer nicht linearen Welt können Ursache und Wirkung nicht mehr direkt in Zusammenhang gebracht werden und erscheinen dadurch als nicht mehr verhältnismäßig. Das beste Beispiel ist die Klimakrise: Wir erleben aktuell die Auswirkungen der Schadstoffemissionen der 1980er-Jahre – und eine sehr lange Zeitspanne zwischen Ursache und Wirkung. 
  • Incomprehensible (unverständlich, unbegreiflich)
    Es gibt immer mehr unverständliche, unbegreifliche Phänomene, die sich selbst dann, wenn man alle erdenklichen Informationen zusammenträgt, nicht für uns erklären lassen. Unter anderem auch, weil es bereits zu viele Informationen in Form von riesigen Datenvolumina gibt, die uns schlicht überfordern. Oft funktionieren Systeme aus uns unerklärlichen Gründen nicht, zum Beispiel beim Programmieren.

BANI bietet die Möglichkeit mit einer anderen Perspektive auf die Welt zu sehen, um der Verzweiflung zu entkommen. Es ist eine neue Phase, die außerdem eine globale Gültigkeit hat. Systeme in jeglichem Zusammenhang verändern sich und müssen sich verändern, dies erfordert wiederum neue Denkweisen, welche es gilt zu erforschen.

 

Achtsamkeit und anpassungsfähige Organisationen

Die Schlussfolgerung für Organisationen hier ist, dass es immer wichtiger wird, Unternehmen agil aufzustellen, um sich auf wechselnde, unsichere oder gar ungünstige Gegebenheiten einzustellen und schnell reagieren zu können. In diesen chaotischen Phasen sind Leader*innen besonders gefordert und müssen sich mit den erforderlichen Prinzipien auseinandersetzen. Dies bedeutet vor allem, bei sich selbst zu beginnen, anstatt den autoritären Ansatz wieder zum Leben zu erwecken. Es braucht Achtsamkeit und einen klaren Fokus auf Entscheidungen, um die derzeitigen Herausforderungen anzunehmen und sich dem Wandel zu stellen. Dazu gehört auch, individuelle Unterschiede zu respektieren und die Menschen in ihren diversen Netzwerkstrukturen zu unterstützen. Nur mit Achtsamkeit und Empathie können Wege aus der Krise entwickelt werden.